Blog-Beitrag vom 19.08.2019

Erfolgreich als freiberuflicher Übersetzer

Ein Gespräch mit Sarah Elipot

Freiberufliche Übersetzer müssen sich neben der reinen Übersetzungstätigkeit einer Vielzahl von Themen widmen, um sich erfolgreich auf dem Markt positionieren zu können. Dazu gehören unter anderem die Weiterbildung, Kostenkalkulation und Kundenakquise. Dies kann vor allem am Anfang der Karriere schnell zu einer Herausforderung werden.

Um einen Einblick in den Berufsalltag zu bekommen und einige Fragen zu beantworten, die während der Existenzgründung aufkommen, haben wir ein Gespräch mit Sarah Elipot geführt. Sie ist seit vier Jahren freiberufliche Übersetzerin und hat davor zwei Jahre als Projektmanagerin bei einem renommierten Sprachdienstleister gearbeitet.

Ein Artikel von

Flurina Schwendimann
Content Management, Across Systems

In diesem Artikel erhalten Sie einige Impulse für eine erfolgreiche Existenzgründung in der Übersetzungsbranche.

Viele Wege führen nach Rom

Das Schöne am Übersetzungsberuf sind die unzähligen Möglichkeiten und Wege, um erfolgreich zu werden. So haben zum Beispiel nicht alle Übersetzer ein Studium der Übersetzungswissenschaft absolviert, denn die Berufsbezeichnung ist nicht geschützt und viele haben ihren Weg in die Branche als Quereinsteiger gefunden. Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Typen von Übersetzern. Einige arbeiten ausschließlich mit Direktkunden, andere sind mit der Zusammenarbeit mit Sprachdienstleistern äußerst zufrieden und viele arbeiten wiederum mit einer Kombination aus beidem.

Um sich Fachbereiche aneignen zu können, wird Übersetzern allgemein empfohlen, sich fortzubilden. Außerdem ist der Kontakt zu einem breitgefächerten Netzwerk und die regelmäßige Akquise hilfreich, um den eigenen Kundenstamm zu vergrößern. Eine gute Möglichkeit dafür ist die Mitgliedschaft bei einem Berufsverband wie der Bundesverband für Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ). Berufsanfänger haben beim BDÜ zum Beispiel die Möglichkeit, an einem Mentoring-Programm teilzunehmen. Das Programm bietet Existenzgründern am Anfang der Selbstständigkeit Hilfe, indem ihnen ein Mentor zur Seite gestellt wird. Dieser berät den Mentee zwei Jahre lang bei etwaigen Fragen und Herausforderungen.

Aufgrund der vielen Optionen ist es nicht möglich, den einen „perfekten“ Weg für Existenzgründer festzulegen. Dieser Artikel soll deshalb nur einen möglichen Weg exemplarisch und subjektiv vorstellen. Denn, wie Sarah Elipot treffend gesagt hat: „Der Markt ist sehr groß und differenziert. Dies sind nur meine Erfahrungen, anderen Übersetzern geht es ganz anders.“

Wie machen Sie es?

Wir wissen, dass viele Übersetzer ihren Erfolg über andere Wege finden. Arbeiten Sie nur mit Direktkunden oder besuchen Sie regelmäßig Weiterbildungen? Schreiben Sie uns Ihre Erfolgsgeschichte per E-Mail an marketing@across.net

Studium und Fachbereiche

Frau Elipot, Sie arbeiten seit vier Jahren als freiberufliche Übersetzerin, haben Sie schon einen klar definierten Fachbereich?

Ich übersetze zu 90 % technikbezogene Texte, wie zum Beispiel Handbücher. Gerne würde ich mich auch in dem Fachbereich Reise- und Restaurantführer spezialisieren aber das ist nicht so einfach. Man muss dafür mindestens einen eigenen Blog zu diesen Themen haben, um sich auf dem Markt positionieren zu können. Denn ein spezifischer Studiengang wie Übersetzungswissenschaft bereitet einen fast gar nicht auf Fachbereiche wie Kunst oder Kultur vor. Das gleiche gilt zum Beispiel für Literaturübersetzungen, denn Verlage suchen meistens Übersetzer, die Literaturwissenschaften studiert haben und sich auf ein spezifisches Genre konzentrieren.

Sie haben gerade den Studiengang Übersetzungswissenschaft angesprochen. Sie haben in Frankreich studiert, wurden Ihnen an der Universität praktische Kenntnisse vermittelt, die es für die Berufsausübung braucht?

Kaum, nicht während des Studiums an der Universität. Wir haben nur einen theoretischen Überblick über die verschiedenen CAT-Tools bekommen. Wir haben zwar Diskussionen geführt, wie Projektmanagement funktioniert und wie Terminologie erstellt werden sollte, aber alles im akademischen Stil. Ungefähr die Hälfte des Programmes verbrachten wir mit Übersetzen, aber wir haben meistens Prosa und keine technischen Texte übersetzt. Im Nachhinein war das widersprüchlich, denn diese Textsorte eignet sich eigentlich gar nicht für die Bearbeitung mit CAT-Tools.

Wie haben Sie sich denn diese Kenntnisse angeeignet?

Ich habe während des Studiums ein Plichtpraktikum bei einem Sprachdienstleister gemacht, was sehr sinnvoll war, denn dort habe ich vieles gelernt. Zum Beispiel wie ein Translation-Management-System funktioniert, wie man mit Fragen seitens des Kunden umgeht und wie man selbstständig für Übersetzungen recherchiert. Themen wie die Preiskalkulation habe ich mir im Anschluss selbst beigebracht.

Wenn ein Übersetzer frisch anfängt, hat er oft das Problem, dass er keine klar definierten Fachbereiche hat. Wie kann man sich auf dem Markt trotzdem erfolgreich positionieren?

Während des Studiums lernt man eigentlich immer verschiedene Fachbereiche kennen und muss ein Praktikum machen. Da merkt man relativ schnell, welche Themen einem liegen und welche nicht. Anschließend kann man sich tiefergehend mit den entsprechenden Fachbereichen auseinandersetzen. Es gibt auch Sprachdienstleister, die Coaching-Programme für Neuanfänger anbieten. Mir hat der „Umweg“ über die Projektmanagement-Stelle sehr geholfen. Jetzt habe ich einen besseren Überblick über Kundenerwartungen und habe Verhandlungsstrategien gelernt. Das Wichtigste am Anfang des freiberuflichen Daseins ist, genügend Zeit zu haben, um neue Aufträge und Kunden gewinnen zu können. Ich habe am Anfang hauptsächlich für drei Sprachdienstleister gearbeitet und darauf aufgebaut. Die nächsten Kunden habe ich dann über crossMarket gefunden.

Weiterbildung und Marketing

Es gibt mittlerweile online viele kostenlose Ressourcen für Übersetzer, von denen man viel lernen kann und Verbände wie den BDÜ, die Seminare und Fachbücher zur Existenzgründung anbieten. Haben Ihnen solchen Ressourcen weitergeholfen?

Ich kannte den BDÜ lange gar nicht. Ich persönlich hatte nie das Bedürfnis, mich an einen Verband zu wenden, da ich aus meinem Studium und meinen vorherigen Stellen ein privates Netzwerk aufgebaut habe.

Sind die vom BDÜ angebotenen Weiterbildungen und Netzwerke für die Weiterentwicklung von Übersetzern für Sie nicht sinnvoll?

Doch, sie sind sehr hilfreich. Aber ich tausche mich meistens mit Kollegen aus, die ich schon kenne und im Moment brauche ich keine Weiterbildungen.

Ein weiteres wichtiges Thema für Übersetzer ist das Selbstmarketing. Sie haben allerdings keine eigene Website, sondern Profile auf crossMarket und LinkedIn. Sind solche Plattformen ein guter Ersatz, um sich online zu vermarkten?

Ich habe derzeit zum Glück genug gute Kunden und muss dementsprechend keine aktive Akquise betreiben. Ich möchte ihnen treu bleiben und die zusätzliche Zeit für sie investieren. Meistens bekomme ich Anfragen von Sprachdienstleistern für eine langfristige Zusammenarbeit oder andersrum. Wenn ich auf dem Jobboard von crossMarket einen interessanten Sprachdienstleister finde, stelle ich mich ihm vor, aber ich suche nicht aktiv nach Übersetzungsaufträgen. Wenn ich freie Kapazitäten habe, gebe ich meinen aktuellen Auftraggebern darüber Bescheid.

Wenn ich auf dem Jobboard von crossMarket einen interessanten Sprachdienstleister finde, stelle ich mich ihm vor.

Schon gewusst?

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Wir haben schon kurz über Ihre Fachbereiche gesprochen, Sie übersetzen hauptsächlich technische Texte. Haben Sie dafür Weiterbildungen gemacht?

Nein, ich habe keine Weiterbildungen gemacht. Der Sprachdienstleister in Berlin, bei dem ich mein Praktikum absolviert habe, war auf Technik spezialisiert. Jetzt arbeite ich für Sprachdienstleister, die auch sehr technisch orientiert sind. Ich habe mir also die Kenntnisse nach und nach selbst angeeignet. Jetzt verstehe ich zum Beispiel, wie ein Hydraulikkreis funktioniert (lacht).

Extra Tipp

Zwei Bücher des BDÜ-Fachverlags sollten zum Standardwerk eines jeden freiberuflichen Übersetzers gehören:

Preiskalkulation und Sprachdienstleister

Die Preiskalkulation ist eine Frage, die viele Neuanfänger beschäftigt. Oft nimmt ein Übersetzer am Anfang seiner Karriere Preise in Kauf, von denen er langfristig nicht leben kann. Wie war das bei Ihnen?

Klar, am Anfang nimmt man jeden Auftrag an, den man bekommen kann. Dementsprechend niedrig sind die Preise. An der Universität wird einem das ja auch nicht beigebracht, da die Dozenten oft selber gar nicht oder schon lange nicht mehr professionell übersetzt haben und dadurch keine aktuellen Kenntnisse in dem Bereich haben. Mit der Zeit lernt man aber, welche Preise für die eigene Leistung angemessen sind.

Wenn man sich in der Spirale des Niedrigpreissegments befindet, ist es schwierig, wieder herauszukommen. Ist es möglich, mit einem Kunden, für den man schon ein paar Jahre gearbeitet hat, die Preise neu zu verhandeln?

Ich habe es schon versucht, aber der Kunde konnte in dem Fall die höheren Preise nicht bezahlen. Da blieb mir leider keine andere Option, als die Zusammenarbeit abzubrechen. Es war zwar sehr schade, da ich die Projektmanager sehr mochte und sie hohe Qualitätsstandards hatten, aber die Preise waren wirklich zu niedrig. Es ist oft sinnvoller, die frei gewordene Zeit zu nutzen, um neue Kunden mit besseren Zahlungskonditionen zu finden.

Mit der Zeit lernt man, welche Preise für die eigene Leistung angemessen sind.

Extra Tipp

Der BDÜ führt regelmäßig anonyme Honorarumfragen durch, damit Übersetzer und Dolmetscher einen Anhaltspunkt in dem ansonsten preislich unübersichtlichen Markt bekommen. Der Honorarspiegel ist vor allem für Existenzgründer, die von Anfang an angemessene Preise verhandeln möchten, sehr hilfreich.

Es sind leider manchmal Berichte über Sprachdienstleister zu finden, die als schwarze Schafe der Übersetzungsbranche gelten. Wie stellen Sie sicher, dass ein Sprachdienstleister, für den Sie potenziell arbeiten werden, vertrauenswürdig und seriös ist?

Ich habe zum Glück noch keine schlechten Erfahrungen diesbezüglich gemacht. Ich recherchiere potenzielle Agenturen immer online. Es passiert nicht oft, aber manchmal finde ich negative Berichte über eine und schließe sie dann aus. An dieser Stelle ist ein großes Netzwerk nützlich. Kollegen, die mit der gleichen Sprachkombination arbeiten, können einen gegebenenfalls vor solchen Agenturen warnen.

Neue Technologien für Übersetzer

Neue Technologien machen auch vor der Übersetzungsbranche keinen Halt. Es gibt zum Beispiel Tools wie Dragon NaturallySpeaking, die das Tippen weitestgehend überflüssig machen, weil der Text diktiert wird. Benutzen Sie solche produktivitätssteigernden Tools?

Dragon kenne ich, nutze das Programm aber persönlich nicht. Die Kollegen von meiner ehemaligen Übersetzungsagentur benutzen es allerdings für die Patentübersetzung, denn dafür ist es sehr gut geeignet. Ich frage mich immer, wie es im Büro aussieht, wenn alle an den Computern sitzen und mit ihnen reden (lacht).

Es ist wirklich sehr praktisch, obwohl das Gefühl am Anfang etwas ungewohnt ist. Man kann das Tool auch in Kombination mit den gängigen CAT-Tools benutzten. Der BDÜ hat in seiner Fachzeitschrift letztes Jahr einen Artikel darüber geschrieben.

Ich habe tatsächlich schon überlegt, es zu benutzen, denn die Produktivitätssteigerung kann groß sein. Mündlich könnte ich die Übersetzung in manchen Fällen schneller anfertigen.

Bleiben wir noch kurz beim Thema „neue Technologien“. Wie gehen Sie mit maschineller Übersetzung um und wie beeinflusst sie Ihre Arbeit?

Ich habe einen Anstieg von Post-Editing-Aufträgen bemerkt, aber in dem Bereich gibt es noch keine guten Abrechnungsmodelle. Der Anstieg hat dementsprechend noch keine Auswirkungen auf meine Preise. Der Einsatz von maschineller Übersetzung kann für manche Aufträge sinnvoll sein, aber Post-Editing-Aufträge sind anstrengender als „normale“ Übersetzungen, da man auf mehr Faktoren achten muss. Der Output stimmt selten mit dem überein, was man eigentlich schreiben möchte. Ich kann nicht länger als zwei Stunden am Stück post-editieren, sonst bekomme ich Kopfschmerzen. Es ist meiner Meinung nach keine Gewöhnungssache, man ist danach mental einfach nicht mehr dazu in der Lage.

Versicherungen und Kollegen

Eine große Herausforderung für Existenzgründer ist die Konfrontation mit den vielen Versicherungen, die man abschließen kann oder muss: von der Rentenversicherung über die Berufshaftpflichtversicherung bis hin zur Rechtsschutzversicherung. Ab welchem Zeitpunkt in der Karriere sollten sich Übersetzer mit diesem Thema auseinandersetzen?

Ich persönlich habe zum Beispiel erst seit einigen Monaten eine Rentenversicherung, denn am Anfang der Freiberuflichkeit fluktuiert das Einkommen teilweise stark. Ich habe diese Zeit gebraucht, um ein stabiles Einkommen zu erreichen. Eine Berufshaftpflichtversicherung brauche ich nicht, da ich nur für Agenturen arbeite und diese die Verantwortung übernehmen. Das Thema ist eher für Übersetzer relevant, die für Direktkunden arbeiten.

Eine allgemeinere Frage noch zum Schluss: Wenn man von zuhause aus arbeitet, kann man schnell den Kontakt zu Kollegen verlieren. Wie gehen Sie damit um?

Ich tausche mich mit vielen Kollegen über Facebook und Skype aus und bleibe so auf dem Laufenden. Aber ich gehe jetzt auch wieder zur Universität, da treffe ich Leute. Der Beruf kann grundsätzlich sehr einsam sein, wenn man der Typ Mensch ist, der viel Kontakt braucht und nicht in einer Agentur oder in einem Coworking-Space arbeitet. Von denen gibt es außerhalb von Großstädten wie Berlin nicht viele und sie sind außerdem oft sehr teuer.

Über Sarah Elipot

Sarah Elipot hat in Strasbourg Germanistik und Anglistik studiert. Anschließend absolvierte Sie den Europäischen Master Übersetzung an der Universität Lorraine. Sie arbeitete zwei Jahre als Projektmanagerin bei einem Berliner Sprachdienstleister und ist jetzt seit vier Jahren als freiberufliche Übersetzerin mit den Sprachkombinationen Deutsch und Englisch → Französisch tätig. Ihre Fachbereiche sind Maschinenbau, Medizintechnologie und Marketing.

crossMarket-Profil Sarah Elipot